Was ein 9-Euro-Preis über kleine Betriebe, Inflation und unsere Erwartungen erzählt
Neun Euro für einen Cheeseburger im Imbiss.
Für den einen ist das in Ordnung. Für den anderen eindeutig zu viel. Schnell folgt der Vergleich: Ein anderer Imbiss verkauft günstiger. Für zwei Euro mehr könne man gleich ins Restaurant gehen. Und überhaupt: Ein Imbiss sollte doch ein Imbiss bleiben – auch preislich.
Solche Aussagen sind nachvollziehbar. Jeder Kunde muss entscheiden, wofür er sein Geld ausgeben möchte.
Interessant wird es an einer anderen Stelle:
Was sehen wir eigentlich, wenn wir einen Preis sehen?
Der Kunde sieht 9 Euro.
Der kleine Betrieb sieht dahinter eine ganze Kette von Kosten, von denen die meisten auf keinem Preisschild stehen.
Und genau diese Differenz lohnt einen genaueren Blick.
1. Der Preis steigt sichtbar. Die Kosten steigen unsichtbar.
Wir können das an unserem eigenen kleinen Imbiss zeigen.
BISS IMBISS ist dabei ausdrücklich kein typischer gastronomischer Vollbetrieb. Wir öffnen fünf Tage pro Woche, davon vier Tage jeweils ungefähr vier Stunden und an einem Tag rund neun Stunden.
Der Imbiss war für uns auch nie als Maschine zur maximalen Gewinnerzielung gedacht. Er sollte eine Einnahmequelle sein, die uns zugleich Freiraum für unabhängiges Arbeiten in anderen Bereichen ermöglicht.
Gerade deshalb sind einige unserer tatsächlichen Kostenentwicklungen interessant.
Ein Beispiel ist Strom.
Beispiel aus unserem eigenen Betrieb
Früher zeitweise etwa 200 € Stromkosten im Monat
Heute teilweise etwa 800 € im Monat
→ rund 600 € zusätzliche Belastung in nur einem Monat.
Diese Zahlen stammen aus unserem eigenen Betrieb und stellen ausdrücklich keinen deutschen Durchschnittswert dar.
Das sind nicht irgendwelche Prozente aus einer Statistik.
Das sind 600 Euro zusätzliche Kosten in einem einzigen Monat.
Und diese 600 Euro müssen erst einmal erwirtschaftet werden, bevor sie für Personal, Lebensmittel, Verpackungen oder den Lebensunterhalt irgendeines Menschen zur Verfügung stehen.
Die allgemeine Statistik zeigt selbstverständlich nicht bei jedem Betrieb eine Vervierfachung der Stromrechnung. Unser Beispiel ist ein konkreter betrieblicher Einzelfall. Dass Energie seit 2020 erhebliche Preissprünge erlebt hat, ist dagegen auch bundesweit dokumentiert.
2. Die Tüte, die niemand sieht
Noch anschaulicher wird das Problem bei Dingen, über die normalerweise überhaupt niemand spricht.
Konkrete Beispiele aus unserem Einkauf:
Tüte:
früher ca. 0,2 Cent → heute ca. 2,5 Cent
Menübox:
früher ca. 5 Cent → heute ca. 15 Cent
Verpackungspapier:
früher ca. 15 € → heute ca. 50 €
Keine dieser Zahlen für sich genommen erklärt einen Burgerpreis.
Und keine Tüte für 2,5 Cent bringt einen Imbiss zu Fall.
Das Problem entsteht durch die Addition.
Tüte.
Menübox.
Papier.
Servietten.
Reinigungsmittel.
Frittieröl.
Strom.
Kühlung.
Fleisch.
Gemüse.
Brötchen.
Kraftstoff.
Versicherung.
Wartung.
Personal.
Aus vielen kleinen Veränderungen entsteht irgendwann eine große Veränderung der Gesamtrechnung.
Der Kunde sieht den Preis des Burgers. Der Betrieb sieht die Summe der Rechnungen dahinter.
Unsere Verpackungspreise sind dabei wiederum konkrete Erfahrungswerte aus unserem Einkauf und keine behaupteten deutschen Durchschnittspreise.
3. Und auch Lebensmittel sind tatsächlich erheblich teurer geworden
An diesem Punkt verlassen wir unseren eigenen Betrieb und schauen auf die amtlichen Zahlen.
Der Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes setzt das Jahr 2020 auf 100.
Für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke lag der Index im Dezember 2025 bei 136,5. Im Juli 2026 lag er bei 136,8. Gegenüber dem Basisjahr 2020 entspricht das einem Preisniveau, das rund 36 bis 37 Prozent höher liegt.
Damit ist nicht gesagt, dass jeder einzelne Rohstoff oder jedes Gericht im gleichen Maß teurer geworden ist. Die amtlichen Daten zeigen aber klar: Ein kleiner gastronomischer Betrieb kalkuliert heute in einem deutlich höheren allgemeinen Preisniveau als noch 2020.
Das Interessante daran:
Der einzelne Imbiss hat diese Entwicklung nicht erfunden. Er steht mitten darin.
4. Das alte „mal zwei“ funktioniert irgendwann nicht mehr
In der Gastronomie kursierten lange relativ einfache Kalkulationsfaustregeln.
Eine stark vereinfachte Variante lautete sinngemäß:
Wareneinsatz × 2
Aus einem Euro Einkauf wurden zwei Euro Verkaufspreis.
Ein Aufschlag von 100 Prozent klingt zunächst stattlich. Aber die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis ist eben nicht der Gewinn des Unternehmers.
Aus ihr muss der Betrieb bezahlt werden.
Das wird besonders sichtbar, wenn wir Personal hinzunehmen.
Beispielrechnung: Was kostet ein regulär besetzter kleiner Imbiss?
Wichtig: Diese Rechnung beschreibt nicht die Personalstruktur des BISS IMBISS. Sie ist ein theoretisches Modell für einen kleinen gastronomischen Betrieb, der regulär und verlässlich besetzt sein soll.
Nehmen wir drei reguläre Vollzeitkräfte.
Das ist keineswegs luxuriös: Küche, Vorbereitung, Ausgabe, Reinigung, Einkauf, freie Tage und Öffnungszeiten müssen irgendwie abgedeckt werden.
Und drei Arbeitskräfte reichen auch nur wunderbar, solange – vereinfacht gesagt – niemand krank wird.
Vereinfachtes Modell:
3 Vollzeitkräfte
× rund 2.400 € Bruttolohn
+ Arbeitgeberanteile und weitere Personalnebenkosten
≈ rund 9.000 € monatliche Arbeitgeberbelastung
Zur Einordnung: Seit 1. Januar 2026 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 13,90 € pro Stunde. Bei einer 40-Stunden-Woche liegt allein der monatliche Bruttolohn damit grob in der Größenordnung von 2.400 €. Die tatsächliche Arbeitgeberbelastung hängt von Arbeitszeit, Umlagen, Beiträgen und weiteren Faktoren ab; die Rechnung bleibt daher ausdrücklich ein vereinfachtes Modell.
Und damit ist noch nicht bezahlt:
Strom · Miete · Einkauf · Verpackung · Versicherungen · Reparaturen · Reinigung · Steuerberatung · Ausfälle · Unternehmerlohn
Der Betrieb muss also bereits viele Tausend Euro erwirtschaften, bevor der Unternehmer selbst einen Euro verdient hat.
5. 400 Prozent Aufschlag können trotzdem wenig Gewinn bedeuten
Hier entsteht ein weiterer Wahrnehmungsfehler.
Nehmen wir ein stark vereinfachtes Produkt. Das folgende Beispiel ist bewusst keine vollständige Steuer- oder Vollkostenrechnung, sondern zeigt nur den Unterschied zwischen Wareneinsatz, Aufschlag und tatsächlichem Gewinn.
Direkt zurechenbare Zutaten: 2 €
Verkaufspreis: 10 €
Rechnerischer Aufschlag auf den Wareneinsatz: 400 %
Das klingt gewaltig.
Man könnte denken:
„Zwei Euro hinein, zehn Euro heraus – acht Euro Gewinn.“
Nur sind diese acht Euro eben kein Gewinn.
Davon müssen anteilig bezahlt werden: Personal, Energie, Verpackung, Miete, Kühlung, Reinigung, Versicherungen, Buchhaltung, Wartung, Ausschuss, Gebühren und vieles andere.
Erst nachdem sämtliche betrieblichen Kosten bezahlt wurden, lässt sich überhaupt darüber sprechen, was tatsächlich als Gewinn übrig bleibt.
Ein hoher prozentualer Aufschlag ist nicht dasselbe wie ein hoher Gewinn.
6. Warum ärgern wir uns ausgerechnet beim kleinen Betrieb?
Und jetzt wird die Sache gesellschaftlich interessanter.
Lebensmittel werden teurer.
Der Wocheneinkauf kostet mehr.
Versicherungen steigen.
Dienstleistungen werden teurer.
Der Kraftstoffpreis verändert sich.
Der Strompreis verändert sich.
Vieles davon nehmen wir als Teil einer größeren wirtschaftlichen Entwicklung wahr.
Beim kleinen Betrieb passiert jedoch etwas Besonderes:
Die Preissteigerung bekommt ein Gesicht.
Da steht kein anonymer Konzern.
Da steht ein Mensch hinter dem Tresen.
Und plötzlich heißt es:
„Der ist aber teuer geworden.“
Das ist menschlich verständlich.
Aber möglicherweise adressieren wir damit unseren Ärger an einer Stelle, die am Ende der wirtschaftlichen Kette sitzt und einen großen Teil der vorausgegangenen Preisentwicklung selbst gar nicht kontrolliert.
7. „Dann gehe ich eben zur Kette“
Auch das ist selbstverständlich eine legitime Entscheidung.
Große Unternehmen haben jedoch Möglichkeiten, die ein einzelner Imbiss nicht hat.
Sie kaufen andere Mengen ein. Sie standardisieren Produktion und Logistik. Sie verteilen zentrale Kosten über sehr große Stückzahlen. Produkte können industriell vorproduziert und Prozesse bis ins Detail optimiert werden.
Der kleine Betrieb konkurriert deshalb nicht einfach nur:
Burger gegen Burger.
Er konkurriert mit einer vollkommen anderen Produktions- und Kostenstruktur.
Und daraus kann langfristig ein bemerkenswerter Kreislauf entstehen:
Der kleine Anbieter wird als teuer wahrgenommen.
↓
Kunden wechseln zum günstigeren, stärker skalierten Anbieter.
↓
Der kleine Anbieter verliert Umsatz.
↓
Er reduziert Personal, Angebot oder Öffnungszeiten.
↓
Irgendwann gibt er auf.
↓
Eine lokale Alternative verschwindet.
Das ist keine Behauptung, dass jeder kleine Betrieb zwangsläufig verschwinden wird oder jede Kette schlecht wäre.
Es ist eine mögliche ökonomische Dynamik.
Und genau deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken.
8. Der günstige Burger kann bleiben – und trotzdem kann etwas verschwinden
Vielleicht liegt die entscheidende Frage deshalb gar nicht darin, ob 9 Euro für einen bestimmten Cheeseburger richtig oder falsch sind.
Ein Kunde darf sagen:
„Das ist mir zu teuer.“
Ein anderer darf sagen:
„Das ist es mir wert.“
Beides ist legitim.
Interessanter ist die nächste Ebene:
Welche Angebotsstruktur erzeugen wir langfristig mit Millionen solcher Einzelentscheidungen?
Wenn große, hochskalierte Strukturen dauerhaft günstiger produzieren können als kleine Anbieter und der Preis zum entscheidenden Auswahlkriterium wird, kann die Konsequenz irgendwann paradox sein:
Der günstige Burger ist noch da.
Aber die Wahl zwischen unterschiedlichen Arten, ihn herzustellen und anzubieten, ist kleiner geworden.
9. Und genau deshalb ist ein Preis manchmal mehr als ein Preis
Die Jahreszahlen des Statistischen Bundesamtes für 2025 zeigen genau diese Spannung: Das Gastgewerbe setzte nominal 1,4 Prozent mehr um als 2024, preisbereinigt aber 2,1 Prozent weniger. In der Gastronomie allein lag das reale Minus bei 2,2 Prozent, während der nominale Umsatz um 1,8 Prozent stieg.
Das ergibt ein bemerkenswertes Bild unserer Zeit:
Auf der Rechnung stehen größere Zahlen. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass es dem Betrieb besser geht.
Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten Preisschild nicht automatisch fragen:
„Warum verlangt der so viel?“
Sondern gelegentlich auch:
„Was muss dieser Preis heute alles bezahlen, was ich auf dem Preisschild nicht sehen kann?“
Das bedeutet nicht, jeden Preis gutzuheißen.
Es bedeutet nicht, aus Mitleid irgendwo einzukaufen.
Und es bedeutet schon gar nicht, dass ein kleiner Betrieb automatisch besser ist als ein großer.
Es bedeutet lediglich:
Ein Verkaufspreis erzählt nur die letzte Zeile einer sehr viel längeren Rechnung.
Und wer verstehen möchte, warum sich unsere Innenstädte, Dörfer, Gastronomie und lokale Versorgung verändern, sollte vielleicht nicht nur diese letzte Zeile betrachten.
Transparenzhinweis
Der Ausgangspunkt dieses Beitrags waren reale Diskussionen über Preise kleiner gastronomischer Betriebe.
Die genannten Beispiele zu Strom- und Verpackungskosten stammen aus unseren eigenen betrieblichen Erfahrungen bei BISS IMBISS Moormerland und sind ausdrücklich keine repräsentativen Durchschnittswerte für Deutschland.
Die bundesweiten Preis- und Umsatzentwicklungen wurden davon getrennt und anhand öffentlich zugänglicher Daten des Statistischen Bundesamtes eingeordnet.
Quellen / weiterführende Daten
Statistisches Bundesamt – Verbraucherpreise:
https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Preise/Verbraucherpreisindex/_inhalt.html
Statistisches Bundesamt – Gastgewerbe / Umsatzentwicklung 2025:
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_054_45213.html
Bundesministerium für Arbeit und Soziales – gesetzlicher Mindestlohn 2026:
https://www.bmas.de/DE/Arbeit/Arbeitsrecht/Mindestlohn/Informationen-zum-Mindestlohn/informationen-zum-mindestlohn-deutsch.html






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