Zum Tag der Deutschen Einheit: Erinnerungen an einen Mitarbeiter, ein Blick nach Polen und eine Frage an unsere Zukunft mit KI.
Von Andrzej Skulski · 3. Oktober 2026
Ich erinnere mich an einen Mann aus der ehemaligen DDR, der sich nach der Wiedervereinigung bei mir bewarb. Er hatte einen gastronomischen Betrieb geleitet, der unter anderem Schulen und Kindergärten mit Mahlzeiten versorgte.
Wer solche Aufgaben übernimmt, muss organisieren können. Essen muss rechtzeitig fertig sein, Menschen müssen zusammenarbeiten, Mengen und Kosten müssen stimmen. Seine Erfahrung brachte er mit. Doch sein bisheriger beruflicher Weg war abgebrochen.
Nach seiner damaligen Schilderung hätte er den Betrieb als Pächter weiterführen können. Dafür hätte er eine Sicherheit von 50.000 DM aufbringen müssen. Diese Möglichkeit hatte er nicht. Der Betrieb ging, wie er mir erzählte, an jemanden aus Westdeutschland. Er selbst suchte eine neue Arbeit.
Bei mir arbeitete er anschließend viele Jahre fleißig und zuverlässig.
Das ist der Punkt, an dem ich bis heute hängenbleibe: Seine Fähigkeiten waren nicht verschwunden. Die Bedingungen hatten sich verändert. Was er konnte, reichte nicht aus, um unter diesen Bedingungen seine bisherige Stellung zu erhalten.
Was in einer Erfolgsbilanz fehlt
Er erzählte mir von seinem Leben, von seiner Datscha, vom Trabant, auf den er lange gewartet hatte, und davon, wie vieles, was ihm Sicherheit gegeben hatte, ins Wanken geraten war. Auch von Menschen in seinem Umfeld, die ihre Existenzgrundlage verloren und mit der Umstellung schwer zurechtkamen.
Ich erzähle hier meine Erinnerung an unsere Begegnungen. Seine Schilderungen konnte ich nicht in allen Einzelheiten überprüfen. Und ein Mensch steht selbstverständlich nicht für ganz Ostdeutschland.
Aber seine Geschichte stellt eine Frage, die auch eine große Erfolgsbilanz beantworten sollte: Was geschieht mit Menschen, deren bisherige Leistung in einer neuen Ordnung plötzlich wenig zählt?
Die Deutsche Einheit brachte einen historischen Gewinn an Freiheit. Eine kritische Betrachtung ihrer Folgen muss diesen Gewinn nicht kleinreden. Sie kann zugleich anerkennen, dass Menschen Arbeit, Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung verloren.
Beides kann zur selben Geschichte gehören.
Ein Land kann institutionell zusammenwachsen, während ein Mensch darin seinen Platz sucht. Neue Möglichkeiten helfen ihm erst dann, wenn er sie tatsächlich nutzen kann. Eine Pachtmöglichkeit bleibt für jemanden ohne die nötige Sicherheit eine verschlossene Tür.
Wer entscheidet mit?
Auch heute lässt sich die Frage nach gleichberechtigter Teilhabe nicht einfach als erledigt betrachten. Der Elitenmonitor weist für 2024 einen Anteil Ostdeutscher von 12,1 Prozent in zentralen Führungspositionen aus, bei einem Bevölkerungsanteil von ungefähr 19 Prozent. Die Untersuchung sieht keine Bestätigung dafür, dass diese Unterrepräsentation von selbst verschwindet.[1]
Diese Zahlen erklären nicht die Lebensgeschichte meines Mitarbeiters. Sie zeigen aber, warum wir auch Jahrzehnte später fragen sollten, wessen Erfahrungen dort vertreten sind, wo Entscheidungen getroffen werden.
Zusammenhalt braucht die Möglichkeit, gehört zu werden und Einfluss zu nehmen. Wer immer wieder erklärt bekommt, wie erfolgreich eine Veränderung war, braucht trotzdem Raum für die Frage, was sie ihn persönlich gekostet hat.
Polen: Neue Freiheit, ungleiche Startbedingungen
Auch an den Umbruch in Polen, dem Land, aus dem ich komme, muss ich dabei denken. Die Befreiung von der kommunistischen Herrschaft war ein wirklicher Gewinn. Doch die wirtschaftliche Neuordnung begann mit ungleichen Voraussetzungen.
Der Historiker Tomasz Kozłowski beschreibt die sogenannte „uwłaszczenie nomenklatury“: Angehörige des Partei- und Staatsapparats gelangten über entsprechende Gesellschaften an staatliche Vermögenswerte und nutzten ihre Stellung für persönliche Vorteile zulasten staatlicher Unternehmen.[2]
Seine Untersuchung bewertet dieses Phänomen grundsätzlich als unbeabsichtigte Folge der Wirtschaftsreformen, nicht als Ergebnis eines einheitlichen Plans.[2] Daraus folgt keine Entlastung derjenigen, die solche Möglichkeiten gezielt ausnutzten. Es begrenzt aber die Behauptung, die gesamte Transformation sei von Anfang an ein gemeinsamer Täuschungsakt gewesen.
Für mich liegt die entscheidende Frage darin, wer seine bisherige Stellung in wirtschaftliche Vorteile verwandeln konnte — und wer vor allem seine Arbeitskraft und Erfahrung mitbrachte.
Deutschland und Polen gingen unterschiedliche Wege. Ihre Umbrüche lassen sich nicht gleichsetzen. In beiden Fällen lohnt sich jedoch die Frage: Welche Voraussetzungen brauchen Menschen, um die neu gewonnene Freiheit auch im eigenen Leben nutzen zu können?
Verletzungen ernst nehmen
In Gesprächen über diese Zeit begegnet mir immer wieder Enttäuschung. Es wäre zu einfach, daraus eine einzige Erklärung für heutige politische Einstellungen zu machen.
Arbeitsplatzverlust macht niemanden zwangsläufig rechtsextrem. Erlebte Herabsetzung entschuldigt keine Gewalt und keine Verachtung gegenüber anderen Menschen. Wer politische Entwicklungen erklären möchte, muss mehrere Ursachen prüfen.
Trotzdem sollten wir zuhören, wenn Menschen erzählen, dass ihre Arbeit, ihre Herkunft oder ihre Lebensgeschichte wenig Anerkennung erfahren haben. Man kann ihre Erfahrung ernst nehmen und zugleich ihren Schlussfolgerungen widersprechen.
Und jetzt kommt KI
Die Einführung künstlicher Intelligenz ist keine Wiedervereinigung und kein Ende einer Diktatur. Aber die Erinnerung an solche Umbrüche schärft meinen Blick für eine heutige Frage: Was passiert, wenn neue Möglichkeiten entstehen, ohne dass alle die Voraussetzungen haben, sie zu nutzen?
Nehmen wir eine erfahrene Mitarbeiterin, die Kunden und Abläufe seit Jahren kennt. Nun wird ein neues digitales System eingeführt. Ein jüngerer Kollege findet sich darin schneller zurecht. Das kann eine gute Zusammenarbeit ergeben: Er hilft bei der Bedienung, sie erkennt, wenn eine vorgeschlagene Antwort zum Kunden oder zur tatsächlichen Situation nicht passt.
Schwierig wird es, wenn aus der schnelleren Bedienung ein Urteil über die gesamte Person wird: Der eine gilt als zukunftsfähig, die andere als überholt.
Ähnlich kann es am Küchentisch aussehen. Ein Enkel hilft seiner Großmutter mit dem Handy. Damit ist eine konkrete Schwierigkeit gelöst. Über ihre Urteilskraft, ihre Lebenserfahrung und das, was er von ihr lernen kann, sagt diese Schwierigkeit wenig aus.
Solche Beispiele sind keine Aussage über eine ganze Generation. Sie zeigen, worauf wir achten sollten: Technische Routine darf nicht zum alleinigen Maßstab dafür werden, wessen Wissen zählt.
Veränderung braucht Zeit und Einfluss
Wer neue Technik nutzen soll, braucht Zeit zum Lernen, verständliche Unterstützung und Gelegenheit zum Üben. Er muss Fragen stellen können, ohne sich dafür schämen zu müssen. Und wenn ein neuer Ablauf Probleme verursacht, sollte seine Erfahrung eine Änderung bewirken können.
Das betrifft auch die Erwartungen an Arbeit. Ein Beschäftigter kann ein neues Werkzeug schwer gründlich kennenlernen, wenn gleichzeitig jede Minute seiner bisherigen Leistung verlangt wird. Eine zusätzliche App schafft noch keine zusätzliche Zeit.
Darum reicht bei KI die Frage „Was kann das System?“ nicht aus. Wir sollten ebenso fragen: Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen damit? Was sollen sie prüfen? Und können sie widersprechen, wenn etwas nicht stimmt?
Zum Tag der Deutschen Einheit wünsche ich mir, dass wir Freiheit feiern und den Erfahrungen der Menschen Platz geben, die den Wandel getragen haben.
Mein ehemaliger Mitarbeiter musste seine Fähigkeiten nicht erst neu erfinden. Er brauchte eine Möglichkeit, sie unter veränderten Bedingungen weiter einzusetzen.
Wenn wir heute die nächste große Veränderung gestalten, sollten wir daran denken. Fortschritt verdient seinen Namen auch dadurch, dass Menschen darin einen Platz finden — mit ihrer Erfahrung, ihren Fragen und der Möglichkeit, etwas mitzubestimmen.
Quellen und Einordnung
Die Geschichte des Mitarbeiters beruht auf meinen persönlichen Erinnerungen und seinen damaligen Schilderungen. Sie ist kein repräsentativer Befund; insbesondere die genannten Pachtbedingungen sind hier nicht durch Vertragsunterlagen belegt. Die Beispiele zur KI-Nutzung dienen der Veranschaulichung.
[1] Elitenmonitor, „Wo Ostdeutsche fehlen – Sektorale Unterschiede“, Daten für 2024.
[2] Tomasz Kozłowski, „Mechanizmy uwłaszczenia: działalność «spółek nomenklaturowych» w okresie transformacji gospodarczej“, Pamięć i Sprawiedliwość 36 (2), 2020, S. 509–529. Für die Einordnung wurde die veröffentlichte Zusammenfassung herangezogen. DOI: 10.48261/PIS203626.
Bild: KI-generiertes Symbolbild; keine Darstellung des beschriebenen Mitarbeiters.






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